| |
(1848 -1896)
Die unglaubliche Geschichte dieses ungewöhnlichen Mannes beginnt, als der dreizehnjährige Otto Lilienthal gemeinsam mit seinem Bruder Gustav hingerissen den Bewegungen der Störche folgt, die mit weitausholendem Flügelschlag über den grenzenlosen Himmel seiner pommerschen Heimatstadt Anklam dahinschweben. Der Traum des Dädalus, so alt wie die Menschheit selbst, das prometheische Verlangen, den Vögeln das Geheimnis des Fliegens abzusehen und sich wie sie den Himmel zu erobern, soll nun von da an dem Leben dieses jungen Mannes voller Tatendrang Richtung und Ziel verleihen.
60 beginnt - in den Worten Gustav Sichelschmidts - der Weg Otto Lilienthals, des Pioniers der Luftfahrt; jenes Mannes, der mit seinem Erfindungsreichtum und Wagemut die Eroberung des Luftraums eingeleitet hat und der erste Mensch mit einem Flugzeug im Reich der Lüfte war.
Als armer Leute Kind wird Otto Lilienthal am 23. Mai 1848 in Anklam/Pommern geboren. Sein Vater ist Tuchhändler. Schon als Bub unternimmt Otto mit Bruder Gustav erste Versuche, »in die Luft zu gehen«. Was mit prompten und unsanften Landungen auf dem Hinterteil endet. Gleichwohl kann man sagen, daß er bereits als 14jähriger den ersten Flugapparat in der Geschichte der Technik konstruiert hat.
Mit Feuereifer stürzt sich der junge Mann in das Studium der Aerodynamik, stets davon träumend, »frei wie der Vogel über lachende Gefilde, schattige Wälder und spiegelnde Seen dahinzugleiten«, wie er später selbst schreibt.
Mit bescheidensten Mitteln in seiner kleinen Werkstatt widmet sich Otto Lilienthal der Verwirklichung seines Wunschtraumes. 1870 wird seine Forschungsarbeit unterbrochen. Er rückt als Soldat des Garde-Füsilier-Regiments an die Front im Deutsch-Französischen Krieg.
Der gelernte Mechaniker und studierte Konstruktionszeichner sowie Ingenieur macht sich bald darauf beruflich selbständig. Manch erstaunliche Erfindung ohne Bezug zum Flugwesen kommt zustande. Unter anderem Kleinmotoren, der nach ihm benannte Lilienthal-Röhrenkessel, der Ankersteinbaukasten gehen auf ihn zurück. Lilienthal bringt es zum Chef einer eigenen Maschinenfabrik in Berlin-Lichterfelde. Er hat eine ausgeprägte soziale Ader, empört sich über Ausbeutermethoden skrupelloser Unternehmer und führt für seine Arbeiter die Gewinnbeteiligung ein.
1889 erscheint Lilienthals bahnbrechendes Werk »Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst«. Es wird unter fachkundigen Zeitgenossen heftig diskutiert. Ab Sommer 1891 gelingt dem Pionier der Luftfahrt der Durchbruch mit seinen und seines Bruders Flugversuchen in der Umgebung von Berlin. Als erster Mensch schafft Otto Lilienthal Gleitflüge von anfangs 25, später bis zu 300 Metern. Er ist der erste, der die Theorie des Auftriebs am Flügel mit dem halsbrecherischen Wagnis des selbstriskierten Gleitfluges verbindet. Unter Benutzung von 18 verschiedenen selbstgebauten Apparaten unternimmt er Tausende Absprünge, Gleit- und Segelflüge. Als besonders tauglich erweisen sich dabei seine Ein- und Zweidecker-Hängeflugzeuge. Auch konstruiert er ein mit 1,6 PS motorgetriebenes Flugzeug.
Die Brüder Lilienthal haben bei ihren waghalsigen Versuchen manches verstauchte Glied, viele Hautabschürfungen zu erleiden. Doch lebensgefährliche Verletzungen sind bis zu jenem Tage nicht zu beklagen, als den Vater der Luftfahrt unmittelbar vor seinem entscheidenden Schritt vom Gleitflug zum Dauerflug der Tod im Dienste der großen Sache ereilt. Es ist der 9. August 1896 auf dem 110 Meter hohen Gollenberg in der Mark Brandenburg. Noch einmal Gustav Sichelschmidt:
»Wieder ziehen an diesem Tag die Störche in majestätischer Gelassenheit an einem stahlblauen Himmel dahin. Schon ist der erste Flug zur Zufriedenheit abgeschlossen, und auch der zweite Start verläuft planmäßig. Da erhebt sich plötzlich eine örtliche Sonnenbö und bringt den Apparat zum Stehen. Lilienthal wendet all seine Kraft darauf, die Beine nach vorn zu werfen, um wieder Fahrt zu gewinnen. Aber schon kippt die Maschine vornüber und stürzt aus 15 Metern senkrecht zu Boden.«
Am folgenden Tag erliegt der Pionier der Luftfahrt seinen schweren Verletzungen. »Eine große Sache erfordert einen ganzen Menschen, neben vielen Opfern auch das der gesamten Persönlichkeit«, hat er geschrieben. |
|