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KONRAD LORENZ

 
     
  KONRAD LORENZ und die Verhaltensforschung. Lebensdaten: 1903 - 1989. In weiten Teilen der Bevölkerung ist Konrad Lorenz als Autor populärer Bücher wie Das sogenannte Böse -Zur Naturgeschichte der Aggression, So kam der Mensch auf den Hund und Die Rückseite des Spiegels - Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens bekannt. Aber er ist auch einer der Begründer der Ethologie, der Erforschung tierischen Verhaltens in primär natürlicher Umgebung unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten. Hinter dem populären Bild - eine weitverbreitete Photographie zeigt Konrad Lorenz an der Spitze eines Zuges schnatternder Gänse - steht der Wissenschaftler, der nachwies, daß eine unerwartet große Bandbreite von Verhaltensmustern genetisch bedingt und durch die Umwelt herbeigeführt wird. Seine anschaulichen und oftmals originellen Erkenntnisse haben Forschungen in der Genetik, Evolutionsbiologie und Psychologie angeregt. In ihnen betonte er, wie komplex sich die Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt gestaltet, aber auch, wie genial einfach das Prinzip ist, das ihr zugrunde liegt. Konrad Zacharias Lorenz wurde am 7. November 1903 in Wien als Sohn von Emma Lecher und Adolf Lorenz geboren. Der Vater, ein berühmter Orthopäde und Chirurg, der für den Nobelpreis nominiert wurde (ihn aber dann doch nicht erhielt), hatte eine einfache Methode zur Korrektur eines weitverbreiteten angeborenen Hüftfehlers entwickelt. Nachdem er die Tochter eines Chicagoer Fleischhändlers behandelte, wurde er berühmt und zudem Millionär. In Altenburg, dem Sommerhaus der Familie an der Donau, entwickelte Konrad - ein zurückgezogenes, eigenwilliges Kind - seine Leidenschaft für Tiere und bildete sich zum jungen Naturforscher aus. Im Schottengymnasium in Wien erhielt er eine breitgefächerte liberale Erziehung. Obwohl sich Konrad für Zoologie interessierte (angeblich hat er im Alter von zehn Jahren CHARLES DARWIN gelesen), erwartete der Vater von ihm, daß er Mediziner werde. Nach einem Semester an der Columbia University -wo er im Labor von THOMAS HUNT MORGAN die ersten Chromosomen sah -, kehrte Lorenz nach Europa zurück, um an der Universität Wien Medizin zu studieren. Seine Begeisterung aber, die er Tieren und vor allem Vögeln entgegenbrachte, hielt an. Sein Vater schrieb später, daß »Konrad ... die Ornithologie der Medizin vorzog. Ich war nicht gerade glücklich über seine Wahl und zog mir den Zorn des Jungen zu, als ich sagte, daß es doch wohl nicht so wichtig sein könne, ob man nun weiß, ob Reiher so dumm wären, wie man sie gemeinhin einschätzte.« 1928 schloß Lorenz sein Medizinstudium ab, praktizierte allerdings nicht, sondern übernahm am anatomischen Institut der Universität Wien eine Dozentenstelle; 1933 erwarb er die Doktorwürde in Zoologie. Am Institut wurde er zum Prote"ü des bekannten Anatomen Ferdinand Hochstetter. Lorenz war fasziniert von der Möglichkeit, anhand von Körper- und Organstrukturen den Verlauf der Evolution nachzuzeichnen, wie es Hochstetter in seiner vergleichenden Anatomie tat. Die Methode, kam Lorenz zur Überzeugung, war ebenso auf Verhaltensmuster anwendbar. Diese Einsicht war der Ausgangspunkt für seine Arbeit. Lorenz' »Gänsejahre«, etwa zwischen 1934 und 1938, basierten auf einem neuartigen experimentellen Ansatz, aus dem sich im Laufe der Zeit ein theoretisches Gebäude entwickelte. Im Familienanwesen in Altenburg studierte Lorenz Graugänse in ihrer natürlichen Umgebung; er zog die Vögel selber auf, beobachtete sie aus nächster Nähe und verfolgte ihre Verhaltensmuster bei der Werbung, Paarung und dem Nestbau. Wenn sich Gänseküken aus den ausgebrüteten Eiern schälten und als erstes ihn - oder, wie er später herausfand, jedes sich bewegende Objekt - erblickten, behandelten sie ihn wie ihre Mutter. Es stellte sich heraus, daß Graugänse für diese Art der Forschung besonders geeignet waren, da andere Vogelarten nicht nur eine gewisse Anhänglichkeit an den Mutterersatz entwickeln, sondern im weiteren Verlauf auch um ihn werben und sich ihm sexuell nähern würden. Für diese angeborene Verhaltensweise schuf Lorenz den Ausdruck Prägung. 1936 dernte Lorenz Nikolaus Tinbergen kennen, einen Tierverhaltensforscher, dessen Ansichten seinen eigenen in bemerkenswerter Weise entsprachen. Die beiden begannen ihre fruchtbare und freundschaftliche Zusammenarbeit. Ziel ihrer Arbeit war es, die vielfältigen Mechanismen zu bestimmen, die für das Verhalten der Tiere und ihre Reaktion auf die Umwelt verantwortlich waren. Tiere, so zeigte sich, besitzen nicht nur komplexe vorprogrammierte Muster wie Prägung, sondern auch genetisch vorgegebene Programme, um sich gewisse Fertigkeiten anzueignen. Vögel singen, aber das tun sie erst, wenn sie Vogelgesang auch hören. Dazu kommen angeborene Auslösemechanismen und Schlüsselreize, die, einmal wahrgenommen, festgelegte Reaktionen hervorrufen. Schlüsselreize spielen meist bei der Jagd, der Flucht vor Räubern und in der Kommunikation eine Rolle. Ein Rotkehlchen zum Beispiel, das die Farbe Rot als das Zeichen für einen männlichen Eindringling erkennt, wird ein lebloses rotes Federbüschel angreifen. Und eine Ameise, die der Nahrung folgt, wird, wie EDWARD 0. WILSON herausfand, eine Duftspur legen, die von anderen Ameisen wahrgenommen werden kann. Die Beschreibung und Erklärung dieser Mechanismen, die bei vielen Tieren und Insekten zu beobachten sind, nahm mehrere Jahre in Anspruch und führte dazu, daß der Einfluß der Verhaltensforschung weltweit zunahm. Im 20. Jahrhundert fiel es manchen Biologen nicht immer leicht, ihre wissenschaftliche Arbeit von politischen Einflüssen zu trennen; Konrad Lorenz ist eines der Beispiele dafür. In einem 1940 veröffentlichten Artikel verglich er die Domestizierung von Tieren mit der von Menschen. In beiden Fällen sah er die Gefahr einer genetischen »Entartung« gegeben. Geschrieben in einem Stil, den man als nazistisch bezeichnen kann, spricht Lorenz über »entartete Kunst« und ruft dazu auf, nach Härte, Heldentum und gesellschaftlicher Nützlichkeit zu selektieren, wobei, wie er schrieb, die »Rassenidee als die Grundlage unseres [deutschen] Staates in dieser Hinsicht« bereits viel erreicht habe. Lorenz wurde in späteren Jahren wegen des Artikels scharf kritisiert und bekannte, ihn nur geschrieben zu haben, um die nationalsozialistischen Behörden zufriedenzustellen. Von 1937 bis 1940 hielt Lorenz an der Wiener Universität Vorlesungen über vergleichende Anatomie und Tierpsychologie. Für kurze Zeit war er an der Albertus-Universität Vorsitzender für allgemeine Psychologie. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Neurologe in einer psychiatrischen Klinik, bevor er an die Ostfront versetzt wurde, wo er in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Obwohl er als Gefangener nicht schlecht behandelt wurde und als Lagerarzt arbeitete, dauerte seine Inhaftierung bis weit nach Ende des Krieges; erst Anfang 1948 wurde er freigelassen. Sofort nahm Lorenz in Altenburg seine Forschungen wieder auf. Nach einigen Jahren finanziellen Ringens erhielt er vom Max-Planck-Institut Fördermittel für den Aufbau eines Zentrums für Verhaltensforschung. 1955 wurde in dem zwischen Starnberger und Ammersee gelegenen Seewiesen mit dem Bau des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie begonnen. Lorenz arbeitete dort von 1958 bis 1973, kehrte dann nach Österreich zurück und leitete in Wien das Institut für vergleichende Verhaltensforschung. Sein Ruhm wuchs, je größer das Ansehen der Verhaltensforschung in Europa wurde (in den Vereinigten Staaten war ihr Einfluß zunächst durch den Behaviorismus beschränkt). Für »ihre Entdeckungen auf dem Gebiet individueller und sozialer Verhaltensmuster und ihrer Organisation« erhielt Lorenz 1973 gemeinsam mit Tinbergen und Karl von Frisch den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Es war der erste Nobelpreis, der an einen Verhaltensforscher vergeben wurde. In den 50er Jahren schrieb Lorenz So kam der Mensch auf den Hund, das erste von mehreren Büchern, die ihn zu einem populären Schriftsteller machten. Die Rückseite des Spiegels wurde ein Bestseller. Sein vielleicht bekanntestes Buch aber ist Das sogenannte Böse - Zur Naturgeschichte der Aggression, das 1963 erschien. Ausgehend von seinen Tierforschungen, beschreibt Lorenz zunächst aggressives Verhalten bei Tieren und leitet dann zum Menschen und der Rolle über, die Aggression bei diesem spielt. Aggressivität sieht er als »kämpferischen Instinkt«, der für die Art zur Sicherung des Territoriums und zum Überleben wichtig ist. Beim Menschen übt Aggression ähnliche Funktionen aus. Lorenz war eine anmaßende und - wie die Lektüre seiner Bücher deutlich macht - vielschichtige Persönlichkeit. Er genoß den Ruhm, den er in späten Jahren erntete. Sein Biograph Alex Nisbett schreibt jedoch, daß Lorenz auch »Bescheidenheit für sich in Anspruch nahm und verkündete, Sinn für Humor sei die größte Gabe des Menschen, da ohne wahren Sinn für Humor niemand größenwahnsinnig werden oder es versäumen könnte, sich in Demut zu üben.« Als junger Mann entwickelte er eine romantische Beziehung zu Margarethe Gebhart, einer Freundin aus der Kindheit, die er später heiratete. Lorenz glaubte, wie sein Vater zweiundneunzig Jahre alt zu werden. Bis zu seinem Tod lebte und arbeitete er in Altenburg, wo er am 27. Februar 1989 an einem Nierenversagen starb; er war dreiundachtzig Jahre alt geworden. Lorenz in einen wissenschaftlichen Pantheon einzureihen ist schwierig. Er regte eine ganze Reihe von Forschungen an und führte mit dem Behaviorismus eine fruchtbare Auseinandersetzung. Fortschritte in der Evolutionstheorie sind auf ihn allerdings nicht zurückzuführen. Sein Einfluß auf die Entwicklung der Soziobiologie ist unbestritten, seine Instinkttheorie hat jedoch nirgends Akzeptanz gefunden. »Er studierte Tiere um ihrer selbst willen«, schrieb Nikolaas Tinbergen, »und sah in ihnen nicht zweckdienliche Objekte, die unter streng reglementierten Laborbedingungen kontrollierten Tests unterzogen werden konnten. Die Beobachtung komplexer Vorgänge erhob er wieder in den Stand eines gültigen, angesehenen und höchst anspruchsvollen Teils der wissenschaftlichen Methode.« Am wichtigsten aber ist wohl, daß Lorenz' fundamentale Erkenntnisse über die Wechselwirkung von genetischer Anlage und Umwelt immer noch zum Neuland gehören, das die Verhaltensforschung betreten hat. Und deren Einfluß ist nach wie vor weit über ihre Grenzen hinaus spürbar.  
 

 

 

 
 
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