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(1850 -1936)
Quer über dem Weg nach Bsche-siny (Brzeziny) liegt der Bahndamm der Strecke Lodsch-Warschau. Hier haben sich die Russen gut verschanzt. Leise rückt durch den Wald die Spitze der Division Litzmann heran. Es ist tiefdunkle Nacht. Plötzlich Trommelwirbel, Hörnerschmettern, brausendes Hurra, und unwiderstehlich fegt der deutsche Sturmangriff durch die russischen Linien hindurch. Vorneweg stürmt der alte Litzmann selbst, den Degen in der Faust. Der Weg nach Bschesiny ist frei. Über gefrorenen Sturzacker geht es weiter; alle taumeln vor Übermüdung und Hunger, aber keiner wird schwach. In Bschesiny werden die Russen, völlig überrascht, aus den Betten geholt und gefangengesetzt. Der Durchbruch der Division Litzmann ist gelungen. Sie hat sich nicht nur selbst durchgeschlagen, sondern auch alle Verwundeten und 16 000 russische Gefangene mitgebracht.
So der Bericht eines Zeitgenossen über den unerhört kühnen Durchbruch nach Norden, den General Karl Litzmann mit seiner 3. Garde-Division in der Nacht vom 23. zum 24. November 1914 vollbringt, womit er das hoffnungslos verloren erscheinende gesamte deutsche XXV. Reserve-Korps aus dem Feuer reißt, die Schlacht bei Lodsch entscheidet, einen ausschlaggebenden Beitrag leistet, die »russische Dampfwalze« zu stoppen, und dem Feind, der schon über den Sieg gejubelt und Züge für den Abtransport Abertausender deutscher Gefangener bereitgestellt hat, die Suppe versalzt. Die Truppe prägt für den General den Ehrennamen »Löwe von Bschesiny«.
Karl Litzmann kommt am 22. Januar 1850 im märkischen Neuglobsow bei Ruppin zur Welt. Ab 1867 dient er im preußischen Heer. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zeichnet er sich durch besondere Tapferkeit aus. Für seine Leistungen als Pionieroffizier bei der Belagerung von Paris wird er mit dem Eisernen Kreuz dekoriert. 1901 ist Litzmann Kommandeur der 39. Infanteriedivision im Elsaß, im folgenden Jahr wird er Direktor der Kriegsakademie, nimmt aber seinen Abschied, als der im Gegensatz zu seinem Habitus völlig unkriegerische Kaiser Wilhelm II. Desinteresse an dieser Einrichtung bekundet. 1912 gründet Litzmann zwei Bewegungen Nationalgesinnter: Deutscher Wehrverein und Jungdeutschlandbund.
Bei Kriegsausbruch 1914 hält es den weißhaarigen Feuerkopf weder daheim noch in der Etappe. Obwohl jenseits der Altersgrenze, bittet er um Frontverwendung. Im Oktober 1914 übernimmt er das Kommando über jene junge 3. Garde-Division, mit der er den sagenhaften Streich von Bschesiny führt und großen Anteil hat, den militärisch weitgehend entblößten deutschen Osten vor der ungeheuren russischen Übermacht zu retten. Auch der Gegner zollt dem Löwen Respekt: Litzmanns Tat von Bschesiny findet, so eine große russische Zeitung, »achtungsvolle Bewunderung aller russischen Militärs«.
Karl Litzmann erhält als erster der 84 Divisionskommandeure den Orden pour le merite. Lodsch heißt von 1940 bis 1945 ihm zu Ehren Litzmannstadt, Bschesiny trägt in dieser Zeit den Namen Löwenstadt.
Bald leuchtet ein weiterer Name auf der Ruhmestafel des Generals: Kowno. Am 18. August 1915 nimmt Litzmann, nun an der Spitze eines Reservekorps, diesen stärksten Stützpunkt der russischen Nordwestfront. Mit dem Ruf: »Ran an den Njemen und rüber!« stürmt der Alte auch hier höchstpersönlich voran. Der Kaiser verleiht ihm das Eichenlaub zum Pour le Merite und telegrafiert an Litzmann:
»In unwiderstehlichem Ansturm ist es den von Ihnen geführten Angriffstruppen gelungen, Kowno, das stärkste Bollwerk der inneren feindlichen Verteidigungslinie, zu überrennen. Diese Tat wird immer ein leuchtendes Beispiel bleiben.«
Litzmann ist an der Winterschlacht in Masuren beteiligt, kämpft 1916 bei Luzk, dann in den Karpaten, bei Slonim, 1918 in der Champagne.
Nach Ende des Krieges setzt er sich daheim und in fernen Ländern für Deutschlands Ehre ein und wird 1932 Alterspräsident des Reichstages. Am 28. Mai 1936 schließt der alte General im Hause seiner Vorväter zu Neuglobsow für immer die Augen. |
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