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WILLIAM HARVEY

 
     
  WILLIAM HARVEY und der Blutkreislauf. Lebensdaten: 1578 - 1657. Noch zu römischen Zeiten betrachtete der griechische Arzt Galen die Leber als das Hauptorgan im menschlichen Körper. Seiner Meinung nach war es das Organ, welches den Saft der Nahrung in Blut umwandelte und im ganzen Körper verteilte. Die Bedeutung des Herzens blieb Galen nicht verborgen ebenso wenig der andersartige Aufbau von Venen und Arterien (wobei die letzteren sehr viel muskulöser sind). Aber er dachte, das Blut fließe nur durch die Venen, während die Arterien die »lebenswichtigen Geister«transportieren, die durch die eingeatmete Luft aufgenommen werden. Galens System lehnte sich an sinnreiche landwirtschaftliche Bewässerungsmethoden an und entsprach damit dem mittelalterlichen Denken. Mit dem Ende der Renaissance fiel auch diese Vorstellung in sich zusammen. William Harvey war es, der den ersten und entscheidenden Schritt hin zur modernen Physiologie tat, indem er den Blutkreislauf erklärte. William Harvey wurde am 1. April 1578 in Folkstone in England als ältester Sohn von Joan und Thomas Harvey geboren. Sein Vater war ein prosperierender Händler, und auch fünf von Williams Brüder wurden wohlhabende Kaufleute. An der King's School in Canterbury dernte Harvey Latein und Griechisch; 1593, im Alter von sechzehn Jahren, begann er am Gonville and Caius College in Cambridge das Studium der Medizin und der »Künste«. Die medizinische Ausbildung dürfte alles andere als vorbildlich gewesen sein und vielleicht einige Sektionen hingerichteter Verbrecher miteingeschlossen haben. 1597 erhielt er seinen Magister artium. Wie andere große Wissenschaftler der Renaissance ging er daraufhin an die Universität von Padua, wo ein halbes Jahrhundert vorher ANDREAS VESALIUS unterrichtet hatte. Entscheidend für Harvey wurde die Begegnung mit Fabricius ab Aquapendente, einem berühmten Anatomen, der sein Lehrer wurde. Fabricius wußte zwar von den Venenklappen, glaubte aber, daß sie den Blutfluß zur Peripherie des Körpers verlangsamen würden - eine Interpretation, die galenischen Ursprungs war. Harvey sollte später erkennen, daß die Klappen dazu beitrugen, das Blut zum Herzen zurückfließen zu lassen. 1602 kehrte er mit seinem medizinischen Abschluß nach England zurück und heiratete kurz darauf Elizabeth Browne, die Tochter des Dr. Lancelot Browne, der Leibarzt von Queen Elizabeth I. und später von James I. war. Kurze Zeit später besaß Harvey eine bedeutende Praxis und hatte Kontakte zum St. Bartholomew's Hospital. 1607 wurde er ins Royal College of Physicians gewählt, wo er 1615 zum Dozenten für Anatomie und Chirurgie aufstieg. 1616 hielt er seine ersten medizinischen Vorlesungen. Viele seiner Papiere gingen verloren, aber aus den Aufzeichnungen, die man 1876 wiederentdeckte, geht klar hervor, daß er sich bereits zu dieser Zeit mit der Herzfunktion und dem Blutkreislauf beschäftigt hatte. De motu cordis et sanguinis in animalibus (Über die Bewegung des Herzens und des Blutes in Tieren) erschien 1628. Es ist eine kurze zweiteilige Abhandlung, in der Harvey eine Beschreibung der Herz- und Arterienfunktion gibt, gefolgt von einer Beweisführung für den Blutkreislauf. Harveys Untersuchungsmethoden waren empirischer als diejenigen Galens, dem nicht erlaubt war, Menschen zu sezieren, und der sich daher mit toten Tieren begnügen mußte. Harvey ließ Tiere aufschneiden, während sie noch am Leben waren, er studierte Hunde, Schweine, Ziegen und niedere Tierarten wie Krebse oder noch nicht ausgebrütete Küken. So konnte er feststellen, daß das Herz Blut ausstieß, wenn es sich zusammenzog - das und nichts anderes war für den Pulsschlag verantwortlich. Das war, wie er notierte, »das genaue Gegenteil der allgemein anerkannten Meinung.« Er zeigte, daß das Blut von der Vena cava in das Herz ging und von dort in die Aorta weitergepumpt wurde. Neben seinen Beobachtungen lieferte er auch eine quantitative Erklärung. Ausgehend von geschätzten 2 Flüssigunzen pro Herzschlag und 72 Schlägen in der Minute, berechnete er die Blutmenge, die das Herz in das Arteriensystem pumpt. In einer Stunde ergaben somit 2 Unzen = 72 Schläge = 60 Minuten 8640 Unzen oder 245 Liter. Eine enorme Menge. Die Leber, überlegte Harvey, konnte diese Menge nicht schaffen. Also mußte das Herz im Zentrum eines Systems stehen, das das Blut zirkulieren ließ. Und das Blut mußte vom Arterien- ins Venensystem fließen. Das war eine der wichtigsten frühen Folgerungen der modernen Wissenschaft - sie sollte sich als richtig herausstellen. Ohne Mikroskop konnte Harvey nicht erkennen, womit die Arte- rien mit den Venen verbunden sind. So sagte er die Ent- deckung von »Poren« voraus. Eine Generation später, 1660, fand MARCELLO MALPIGHI das Kapillarsystem. Obwohl De motu Angriffen ausgesetzt war, konnte sein Wert nicht mehr abgestritten werden. Die Bedeutung von Harveys Entdeckung wurde sehr schnell anerkannt. Ein Zeitgenosse bezeichnete sie als eine »Umwälzung in der gesamten Medizin, so wie die Erfindung des Teleskops, die die Astronomie auf den Kopf gestellt hat ...« 1618 wurde William Harvey Hofarzt von James I. und später von Charles I., bis dieser 1649 enthauptet wurde. Viele seiner Schriften gingen im Bürgerkrieg verloren, als sein Haus - Harvey war Royalist - der Plünderung anheim-fiel. Neben De motu veröffentlichte er nur noch ein Werk über die Embryologie, das - zu seiner Zeit durchaus von Bedeutung - nicht über denselben Stellenwert wie seine Arbeit über den Blutkreislauf verfügt. Die Bedeutung William Harveys für die Wissenschaft und Medizin ist auch heute noch, vier Jahrhunderte später, unumstritten. I. Bernard Cohen schreibt, daß Harveys Arbeiten, auch wenn sie nicht direkt zu neuen Entwicklungen in der Medizintechnik führten, »alle Anforderungen erfüllen, um als wissenschaftliche Revolution bezeichnet werden zu können.« Man kann anfügen, daß Harvey in gewisser Hinsicht kein moderner Wissenschaftler, sondern noch der teleologischen aristotelischen Tradition verhaftet war, stark geprägt allerdings von den Anatomen in Padua, unter denen er in seiner Jugend studiert hatte. Die Fortschritte jedoch, für die er stellvertretend steht, sind nicht von der Hand zu weisen. »Ich gebe nicht vor, die Anatomie nach den Axiomen der Philosophen zu lehren«, schreibt er in seiner Einführung zu De motu, »sondern nach Sektionen und dem System der Natur.« Laut den Brief Lives von James Aubrey war William Harvey von kleinem Wuchs, mit gelbbräunlicher Gesichtsfarbe und schwarzem Haar, das bereits zwanzig Jahre vor seinem Tod weiß :wurde. Über seine Persönlichkeit ist nur wenig Verläßliches bekannt, im hohen Alter aber nahm er eine; »hübsche junge Dirne« in Anspruch, die ihm sein Blut wärmte. Er starb am 3. Juni 1857 an einem Schlaganfall und liegt in Hempstead in Essex begraben.  
 

 

 

 
 
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