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(UM 70 N. CHR.)
Da reichte mir Heervater Halsschmuck und Ringe, / gab Körperkraft mir und Wissen der Zukunft, / seh weit nun und weiter durch alle Welt. / So heische Gehör ich vom heil’gen Geschlecht,/ von hohen und niederen Nachkommen Heimdolds; / nach Walvaters Willen nun will ich euch künden, / was Vorzeitmären der Menschen ich weiß. Ich weiß eine Esche, die Weltenbaum heißt, / ein weißlicher Nebel benässet den Wipfel, / draus fallet der Tau, der die Tiefen befrachtet, / immergrün steht sie am Brunnen des Werdens, / dort wohnen die Nornen, die Wissenden drei, / im weiten Gewirre der Wurzeln des Baumes. / Die eine heißt Wurde, Werden die and’re, / Geworden die Dritte. -Die schnitten nun Runen / und warfen die Lose, sie maßen das Leben / und gaben Bestimmung den Menschen und Schicksal.
Der Seherin Gesicht - aus der »Edda«. Die berühmteste Seherin aus der Zeit des germanischen Altertums Deutschlands ist Veleda, die weise Jungfrau der Brukterer, zugleich die eigentliche Führerin des größten Germanenkampfes gegen das Römische Imperium seit dem Tode des einzigartigen Armin. In seiner berühmten »Germania« schreibt der Römer Tacitus:
»Die germanischen Völkerschaften glauben, daß den Frauen etwas Heiliges und Vorausschauendes innewohne, darum achten sie des Rates und beherzigen sie die Aussprüche derselben... Doch von Angesicht die Veleda zu sehen, war nicht gestattet. Man verwehrte es, damit die Ehrfurcht umso größer wäre. Die Prophetin stand auf einem hohen Turme, und ein Auserwählter ihrer Sippe vermittelte Fragen und Antworten wie ein Götterbote.«
Im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende sind die Brukterer eine der wehrhaftesten germanischen Völkerschaften. Sie beteiligen sich an vorderster Front an Armins Feldzügen gegen Rom und lassen sich auch durch die mit gewaltiger Übermacht und finsterster Brutalität geführten Racheunternehmungen des römischen Marschalls Germanicus nicht beugen.
Aus diesem Stamm kommt Veleda. Die Seherin ist Kopf, Herz und Seele der germanischen Verschwörung, die sich 68 n. Chr. am Rhein gegen die Römerherrschaft bildet. Nominell steht Civilis, der Führer der Bataver, an der Spitze des Aufstandes.
Im Jahre 69 entbrennt der Kampf. Die charismatische Frau bringt weitere Germanenstämme dazu, sich dem Volksaufstand gegen die Besatzer anzuschließen; sogar ein Teil der römischen Truppen geht ins Lager der Veleda und des Civilis über. Fischer-Fabian in »Die ersten Deutschen«:
»Dieser Krieg bringt, nächst der Varusschlacht, den Römern die schwersten Verluste, ihre Kastelle gehen in Flammen auf, ihre Legionslager werden zerstört, ihre Schiffe auf dem Rhein gekapert. Bataverfürst Civilis könnte kaum solche Erfolge feiern, wenn er nicht Veleda hätte. Sie ist das geistige Oberhaupt des Volksaufstandes, eine außerordentliche Frau, an deren medialen Kräften es keinen Zweifel gibt, aber auch keinen daran, daß sie diese Kräfte häufig in den Dienst der Politik stellt. Ihre Prophezeiungen werden darauf abgestimmt, die einzelnen Stämme einem Ziel unterzuordnen: Errichtung eines germanischen Königreiches unter Führung von Civilis.«
Die begnadete Seherin will erreichen, was selbst einem Armin dem Großen verwehrt geblieben ist: Das große germanische Reich bei Überwindung der schon die alten Deutschen quälenden Zwietracht.
Doch ist Civilis, bei aller Tapferkeit und militärischer Tüchtigkeit, nicht mit dem überragenden Cherusker oder auch mit Swebenführer Ariovist zu vergleichen. So neigt sich die Waagschale nach einer Reihe beachtlicher Erfolge von Civilis und Veleda doch zugunsten der gewaltigen römischen Militärmacht. Roms Feldherr Petillius Cerialis fügt den Germanen im Jahre 70 nach der Zeitenwende herbe Niederlagen zu. Er ist nur knapp einem Todeskommando entgangen, das die Seherin ausgeschickt hat: Die germanischen Kampfschwimmer haben sich in einer mondlosen Nacht auf die am Rheinufer ankernden Galeeren zutreiben lassen und das Flaggschiff gekapert. Doch Petillius Cerialis ist kurz zuvor von Bord gegangen.
Nun breitet sich Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten aus. Rom übermittelt der Veleda ein Friedensangebot. Die Seherin begibt sich als Führerin einer germanischen Delegation eigens nach Rom und handelt dort für römische Verhältnisse erstaunlich milde Verträge aus. Die Herrschaft des Imperiums am Rhein wird nicht gebrochen, doch erträglicher.
Das weitere Schicksal der Veleda verliert sich im Dunkel der Geschichte. Vielleicht ist sie ähnlich wie Armin innergermanischem Zwiste zum Opfer gefallen. 1926 fanden Archäologen bei Ardea, südlich von Rom, ein Marmorbruchstück, dessen Aufschrift von einer »hochgewachsenen Jungfrau namens Veleda« berichtet, die »bei den Rheinwassertrinkern« verehrt werde. |
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