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LUDWIG SCHWAN

 
     
  (1920 -1945)

Es ist Sonntag, der 1. Oktober 1944. Auf der Bahnstation Karlsdorf wimmelt es von Menschen. Koffer, Kisten, Körbe mit Verpflegung und Winterkleidern werden angeschleppt. Eltern umarmen die Kinder. Letzte Ermahnungen, Tränen, Abschiedsworte. Als endlich der Transportzug heranrollt, geschieht etwas Unfaßbares: Er hält nicht! Brechend voll mit verwundeten Soldaten, Flüchtlingsfamilien und Kindern aus den weiter östlich gelegenen Teilen des Banats, kann er niemanden mehr mitnehmen. Da ergreift ein blutjunger Lehrer die Initiative: Ludwig Schwan läuft los, organisiert von einer Bäckereikompagnie drei Lastwagen. Während der Kampflärm von der Front immer näherrückt, klettern die noch am Bahnhof ausharrenden Buben und Mädchen auf die Fahrzeuge, begleitet von Ludwig Schwan und vier weiteren Lehrern.

Aus Dr. Arnolds Bericht über den Beginn der Flucht des Lehrers Ludwig Schwan und seiner 12- bis 15jährigen Schulkinder aus dem Banat nach Westen. Über ein halbes Jahr lang ist der junge Pädagoge selbstloser Wegweiser und Behüter seiner Schutzbefohlenen. Dann fällt er - bis zum letzten Atemzug um das Wohl der Kinder besorgt - einem Terrorangriff der britischen RAF auf das oberpfälzische Cham zum Opfer.

Ludwig Schwan, geboren am 28. September 1920 in Wladimirovac, unterrichtet seit 1942 als Junglehrer an der Volksschule von Karlsdorf im Banat. Das Banat (= Grenzmark) zwischen Theiß, Mieresch und den Südkarpaten war durch Siedler aus Schwaben, Lothringen, der Pfalz und Österreich stark deutsch geprägt. Die Deutschen dort nannte man Banater Schwaben. Das Gebiet war 1718 nach langer Türkenherrschaft an Österreich gefallen. Die Deutschen machten aus dem verödeten Landstrichen eine Kornkammer; aus deutschen Bergbausiedlungen entwickelten sich Hüttenwerke und die Eisenindustrie. 1918 wird das Banat aufgeteilt auf Ungarn, Rumänien und Jugoslawien. Schwan geht völlig in seinem Beruf auf. Der von ihm geleitete Schulchor bringt es zu Auftritten im deutschen Soldatensender Belgrad und sogar zu Schallplattenaufnahmen. Jetzt, im Oktober 1944, weiß er, daß so viele Kinder wie irgend möglich vor der heranrückenden Roten Armee in Sicherheit gebracht werden müssen. Daß Schwans Befürchtungen leider nur allzu berechtigt sind, zeigen die späteren Ereignisse: Mehr als 100 000 Banater Schwaben werden von Rotarmisten und Titobanditen umgebracht. Schwans Vater wird von Titopartisanen willkürlich erschossen, die Mutter des Lehrers stirbt in einem Vernichtungslager der Belgrader Machthaber.

Am Nachmittag des ersten Fluchttages, 1. Oktober 1944, kommt der Lehrer mit seinen erschöpften Kindern in Belgrad an. Von dort aus geht es tags darauf durch partisanenverseuchtes Gebiet in Richtung Wien weiter. Die Kinder sind verzweifelt. Doch Lehrer Schwan macht ihnen Mut, heitert sie auf, gibt ihnen Zuversicht.

Am 5. Oktober 1944 erreicht die Flüchtlingsgruppe mit dem Zug Wien. Zwei Tage später geht es weiter nach Passau. Dort wird die kleine Schicksalsgemeinschaft aufgeteilt: Die Buben gehen mit Ludwig Schwan nach Niederbayern, die Mädchen mit einer Lehrerin nach Oberfranken. Schwan schreibt bald darauf den Mädels:

»Ich war zwei Jahre Euer Lehrer. Das Schicksal hat uns auseinandergerissen. Aber ich glaube mit Recht sagen zu dürfen, ich war nicht nur Euer Lehrer, sondern Euer bester Kamerad. Ich hab Euch alle von Herzen gern gehabt. Ihr wart ein Teil von mir.«

Ende Januar 1945 begleitet der Banater Lehrer seine Schüler im Rahmen der Kinderlandverschickung, einer der größten humanitären Hilfsaktionen der Kriegsgeschichte, nach Böhmen. Es ist Mitte April 1945, als sich Schwan entschließt, mit seinen Schützlingen abermals die Flucht nach Westen anzutreten. Denn die Rote Armee steht schon östlich von Prag. Mit dem Zug geht die Fahrt nach Pilsen, dann nach Fürth im Wald. Dort überstehen Lehrer und Schüler einen Tieffliegerangriff im Splittergraben.

Am frühen Morgen des 18. April 1945 befindet sich Schwan mit seiner Schülerschar im Warteraum des Bahnhofs von Cham. Er hat seine Buben zur letzten gemeinsamen Nacht gebettet. Zeitgeschichtler Arnold:

»Als um vier Uhr früh der Fliegerangriff beginnt, stürmt alles ins Freie. >Lauf dort hinüber, Josef !< und >Hansi, bist du noch da?< hören die Kinder den Lehrer durch das Bombeninferno rufen. Auf einmal verstummt er. Da ahnen die Buben: Der Mann, der sie ein halbes Jahr lang durch alle Fährnisse geleitet hat, ist selbst getroffen worden.«

Der Einsatz des zusammen mit sieben Kindern aus dem Banat in Cham von westalliierten Terrorbombern ermordeten Lehrers ist nicht umsonst gewesen. Denn durch seine mutigen Taten wurde die Mehrzahl seiner Schüler gerettet. Noch einmal Dr. Arnold:

»Bittet man die Überlebenden, davon zu sprechen, wird ihre Stimme brüchig, füllen sich die Augen mit Tränen. Der Schmerz um eine verlorene Heimat, um tote Jugendfreunde spricht aus ihnen. Aber auch die Liebe zu einem Lehrer, der Kindern bis in den Tod die Treue hielt. Oft stehen Blumen auf seinem Grab in Cham.«
 
 

 

 

 
 
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