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(1738 -1824)
Die Franzosen kommen auch vor die Festung Kolberg gezogen. Aber hier heißt es mit einem Male: »Halt!« Ja, hier geht es nicht so, wie sie es bisher kennengelernt haben. Denn in der Stadt lebt ein alter Schiffskapitän, der fürchtet den Tod und den Teufel nicht. Das ist Joachim Nettelbeck. Manchen Sturm und Schiffbruch hat er schon erlebt, aber nichts hat ihn unterkriegen können. Als die Eroberer näher und näher rücken und so mancher schon an Übergabe denkt, tritt er mutig hervor, zieht seinen Degen und ruft: »In unsere Stadt und unsere Häuser soll kein Franzosenbein eindringen, solange wir noch am Leben sind. Wir wollen uns so verteidigen, wie es sich für anständige und ehrliche Preußen gehört!«
Auf diese Weise gibt der alte Seebär und Haudegen Nettelbeck 1806/07 ein leuchtendes Beispiel vaterländischer Gesinnung. Vor allem ihm ist es zu verdanken, daß Kolberg nicht vor Napoleons Übermacht kapituliert, sondern bis zum Friedensschluß gehalten wird. Seither stehen die Namen Nettelbecks und Kolbergs für Heldenmut gegen fremden Imperialismus.
Schon im Alter von 11 Jahren fährt Joachim Nettelbeck, geboren am 20. September 1738 in Kolberg als Sohn eines Schuhmachers, zur See. Später erwirbt er das Kapitänspatent und kreuzt als kühner Seefahrer in beiden Hemisphären. Entschieden setzt er sich für preußischen Kolonialbesitz in einer Zeit ein, da andere Mächte mit der Aufteilung der Welt beschäftigt sind. Mit der Obrigkeit häufig auf Kriegsfuße stehend, wird er wegen Insubordination aus preußischen Staatsdiensten entlassen.
Bereits bei der Belagerung Kolbergs durch die Russen im Siebenjährigen Krieg zeichnet sich Bürger Nettelbeck hervorragend aus. Anfang der 1780er Jahre steigt er, inzwischen erfolgreich als Branntweinbrenner tätig, in die Kolberger Kommunalpolitik ein. Er verficht die Interessen der »kleinen« Leute gegen den Honoratiorenmagistrat und wird 1789 als einer von zehn Bürgerrepräsentanten gewählt.
1806 muß der nunmehr bald 70jährige hören, daß die unter Friedrich dem Großen so ruhmreiche preußische Armee beim Ansturm der napoleonischen Heere sang- und klanglos in Jena und Auerstedt untergegangen ist. Eine Stadt nach der anderen ergibt sich kampflos dem Feind. Nun rückt der Franzose auf Kolberg vor.
Der Alte nimmt die Verteidigung in die Hand und flößt der demoralisierten Bürgerschaft wieder Mut ein. Überall steht die zähe Seemannsnatur an der Spitze: Nettelbeck hilft bei der Befestigung, führt Ausfälle gegen die Belagerer, gibt sein ganzes Vermögen zur Verpflegung der Kämpfer her.
Auf Nettelbecks Bittgesuch an den preußischen König wird Oberst Gneisenau, der nachmalige Stratege Blüchers und Held der Befreiungskriege, Befehlshaber der Festung Kolberg. Gneisenau und Bürgeradjutant Nettelbeck bilden nun das unüberwindliche und unvergleichliche Gespann zur Verteidigung der Stadt. Draußen hilft der wagemutige Major von Schill mit seinen Streifzügen gegen die Franzosen.
Als Schiffe des verbündeten England am Horizont auftauchen, ist es Nettelbeck, der trotz aller Gefahren auf See hinausfährt, entschlossen das englische Steuer ergreift und sicher in den Hafen von Kolberg einläuft, wo Kriegsmaterial und Lebensmittel gelöscht werden. Tag und Nacht schlagen die Kanonenkugeln des Feindes ins Innere der Stadt, sogar das Rathaus brennt lichterloh. Doch Gneisenau und Nettelbeck sind unermüdlich auf den Schanzen, bis die feindlichen Geschütze verstummen und die Franzosen das Zeichen des Waffenstillstands hissen.
Dem Helden von Kolberg ist es noch vergönnt, den deutschen Sieg über den unheimlichen Korsen zu erleben. Er verfaßt eine dramatische Selbstbiographie und verstirbt hochbetagt am 29. Januar 1824 in seiner Heimatstadt, die Preußen und Deutschland einen Hoffnungsschimmer in dunkelster Zeit gegeben hat. |
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