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JEAN-BAPTISTE LAMARCK und die Grundlagen der Biologie. Lebensdaten: 1744 - 1829. Lange Zeit setzte man den Namen Jean Baptiste Lamarcks mit der Theorie gleich, daß erworbene Fähigkeiten vererbbar seien - daß zum Beispiel ein Klavierspieler seine Fingerfertigkeit den Kindern weitergeben kann; eine Theorie, die seit langem widerlegt ist. Lamarcks Ruf hatte darunter vor allem in den USA und England zu leiden. Erst in den letzten Jahren erfuhren seine Leistungen wieder entsprechende Würdigung. Lamarck, der blind und verarmt starb, gehört zu den großen Biologen in der Geschichte und gilt als einer der Begründer dieser Wissenschaft - trotz der Antipathie, die CHARLES DARWIN ihm entgegenbrachte und trotz der ideologischen Zielsetzungen eines TROFIM LYSENKO, die mit Lamarcks Namen in Verbindung gebracht wurden. Lamarck stellte die Theorie der Unveränderlichkeit der Arten in Frage. Sein positiver Einfluß auf die Entwicklung evolutionärer Vorstellungen ist damit unbestritten, und für den Geologen CHARLES LYELL war er eine wichtige Autorität, auf die er sich berufen konnte. »Man wünschte sich«, schreibt Loren Eiseley, »daß Darwin und Huxley ein wenig freundlicher mit dem alten Mann umgegangen wären, dessen Gebeine unter den Ärmsten und Vergessenen in Paris verloren sind.« Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet Lamarck wurde am 1. August 1744 in Bazentin in der Somme geboren. 1755 wurde er in eine Jesuitenschule gegeben, damit er, wie von ihm erwartet, Priester werde. Er zog das Abenteuer vor, trat im Alter von sechzehn Jahren bei Bergen-op-Zoom der französischen Armee bei und kämpfte im Siebenjährigen Krieg mit, zeichnete sich durch Tapferkeit aus und blieb auch nach Kriegsende beim Militär. Erst 1768 nahm er seinen Abschied. Ab dem Jahr 1769 arbeitete er in Paris in einer Bank und studierte Medizin, interessierte sich aber auch für die neuen Entdeckungen in der Chemie und Meteorologie. Seine wichtigsten frühen Arbeiten beschäftigten sich allerdings mit der Pflanzenklassifizierung, deren Ergebnisse er 1778 in dem Werk Flore franraise veröffentlichte. Dabei ersann er einen ungemein nützlichen, zweiteiligen Klassifizierungsschlüssel, der die schnelle Identifizierung der Pflanzen erlaubte. Das Buch war ein großer Erfolg, bald darauf wurde Lamarck - im Alter von fünfunddreißig Jahren - in die Akademie der Wissenschaften gewählt. Mit Hilfe des COMTE DE BUFFON, der noch immer aktiven Eminenz der Naturgeschichte, wurde Lamarck königlicher Botaniker und 1781 Leiter des Herbariums in den königlichen Gärten. Bei der Klassifizierung der wirbellosen Tiere beschrieb und benannte er zahlreiche Arten. Die philosophischen Aspekte der Taxonomie entgingen ihm dabei nicht. Nur allzu bewußt wurde ihm, wie variationsreich die Tierarten sind, auch ist es ihm zuzuschreiben, daß er auf der radikalen Unterscheidung zwischen organisch und anorganisch beharrte. Durch diese grundlegenden Unterscheidungen war es ihm möglich, die zunehmende Diversifizierung der ohnedies komplexen Pflanzen- und Tierwelt adäquat wahrzunehmen. In Vorwegnahme Darwins erkannte er, daß für den Evolutionsprozeß ungeheure Zeitspannen nötig waren und sich die Annahme der Unveränderlichkeit der Arten nur aus der langsamen Veränderungsrate ergebe. Schließlich schlug Lamarck vier Gesetze vor, die für die Merkmalsveränderung bei Lebewesen verantwortlich seien. In ihnen verkörpern sich die Vorstellungen des 18. Jahrhunderts -die Gedanken, daß sich Lebewesen zur Vollkommenheit hinentwickelten, daß zwischen der Ausprägung eines Körperorgans und seinem Gebrauch (oder Nicht-Gebrauch) ein Zusammenhang bestehe, daß die Begierde ein aktives Prinzip in der Evolution darstelle und - am denkwürdigsten -daß sich Merkmale durch Umwelteinflüsse verändern und diese Veränderungen (falls sie bei beiden Elternteilen auftreten) auf die Nachkommen übertragen werden könnten. Lamarcks Gesetze hatten keinen Bestand. Anmerken sollte man allerdings, daß Hypothesen wie Lamarcks Theorie der Vererbung erworbener Merkmale im Grunde unausweichlich waren. Nachdem man von der Vorstellung unveränderlicher Arten abrückte, mußte man erklären, wie sich die Organismen an ihre Umgebung anpassen - wie, um ein berühmtes Beispiel zu nennen, Giraffen ihre langen Hälse bekamen. Nur allmählich widersprachen Lamarcks Thesen der Evolutionstheorie Darwins und seiner Vorstellung der natürlichen Selektion sowie der späteren Theorie der Artentwicklung durch Mutation. Außerdem konnten Lamarcks Hypothesen überprüft werden. Eine ganze Reihe von Beweisen wurde gesammelt, die sie widerlegten. Wissenschaftler tauschten die Eier von weißen und schwarzen Hühnern aus, untersuchten die Flügel von einigen Mottengenerationen, studierten Salamander und Kohlweißlinge und drangsalierten Ratten. Nichts, was sie fanden, deutete darauf hin, daß erworbene Merkmale vererbbar seien. Obwohl Lamarck in der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Ungnade gefallen war und vom Baron Cuvier -der die Vorstellung veränderlicher Arten zurückwies und im Gegensatz zur Evolutionstheorie an einer Katastrophentheorie festhielt - heftig kritisiert wurde, arbeitete er bis an sein Lebensende. Im hohen Alter erblindet, »setzte er seine Arbeit unbeugsam fort«, wie Charles Bocquet schreibt. »Er starb in Paris, von manchen mißverstanden, von den anderen vergessen.« Als am 18. Dezember 1829 sein Ende nahte, wurde ein Großteil seiner Schriften verkauft, um die Kosten für das Begräbnis begleichen zu können. |
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