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(1778 -1852)
Ohne die Kenntnis der vaterländischen Geschichte ist der Bürger ein Spielball in der Hand des schlauen Betrügers. Vor zwei Abwegen muß sich jedes Volk hüten, das seine Selbständigkeit nicht schmählich verlieren will: Vor der Allerweltsbürgerei und der Schildbürgerei. Ein Volk, das seine eigene Sprache verlernt, gibt sein Stimmrecht in der Menschheit auf und ist zur stummen Rolle auf der Völkerbühne verwiesen. Ein Volk, das mit Lust und Liebe die Ewigkeit seines Volkstums auffaßt, kann zu allen Zeiten sein Wiedergeburtsfest und seinen Auferstehungstag feiern.
Bekenntnisse des Friedrich Ludwig Jahn. Weil dieser standfeste Mann sich sowohl von den französischen Besatzern als auch von den deutschen Reaktionären lieber totschlagen läßt als von seinen Grundüberzeugungen zu weichen, ist er vor und nach Napoleons Sturz einer der von den Mächtigen bestgehaßten Persönlichkeiten Deutschlands. Auch jahrelange Haft kann ihn nicht brechen. Die von ihm gegründete Turnerbewegung tritt nach seinem Tode einen unvergleichlichen Siegeszug um die ganze Welt an.
Als Sohn eines evangelischen Geistlichen wird Jahn am 11. August 1778 in Lanz in der Priegnitz geboren. Schon als Jüngling tritt er mutig, heftig, derb und deftig auf. Seinen Ruf als Grobian verteidigt er bis ans Lebensende mit großem Erfolg. Jahn berichtet:
»Meine Gespielen in der Jugend waren keine Knaben, sondern die Gefährten des Alten Fritz, Husaren von Zieten, Reiter von Seydlitz, Grenadiere von Schwerin. Von den Reitern lernte ich Reiten, von einem Grönlandfahrer Schwimmen, Laufen und Springen nach Beobachtungen der Tiere. Das Klettern sah ich den Affen ab, die sich der Mecklenburger Herzog vor seinem Schloß hielt.«
Als Preußen 1806 gegen Napoleon kämpft, ist Jahn sofort mit dabei: »Ich warf die Feder weg, um zum Schwert zu greifen.« Nach der preußischen Niederlage wirkt er im Untergrund für die patriotische Bewegung, stets auch zum höchsten Risiko bereit.
Enge Kontakte unterhält er zu Friesen, mit dem er am 14. November 1810 bei Kreuzberg nahe Berlin den Deutschen Bund als erste deutsche nationale Partei gründet; beide stehen ferner der Burschenschaftsbewegung Pate. 1810 erscheint auch Jahns Hauptwerk »Deutsches Volkstum«. Es enthält die grundlegende Erkenntnis von der Nation als gewaltiger Kraftquelle.
Auch das von ihm begründete Turnwesen stellt Jahn in den Dienst des Kampfes für nationale Freiheit. Der von ihm am 19. Juni 1811 eröffnete erste Turnplatz der Welt auf der Hasenheide bei Berlin wird zu einer Keimzelle des antiimperialistischen Widerstandes.
Die Ideen des Turnvaters zünden in der Jugend. Als er zur Volkserhebung gegen Napoleon aufruft, kommt dies einem entscheidenden Fanal gleich. Im März 1813 meldet er sich als einer der ersten zum Freikorps Lützow, für das er kräftig geworben hat. Er dient als Kommandeur des 3. Bataillons. Für besondere Tapferkeit wird ihm das Eiserne Kreuz verliehen.
Nach dem Sieg über Napoleon ist Jahn wieder Turnlehrer in Berlin. Doch nun richtet der gänzlich Unerschrockene seinen Kampf gegen die reaktionären deutschen Herrschenden, die die Schaffung eines neuen einigen Deutschen Reiches hintertreiben. Das deutsche Volk hat Napoleon geschlagen und ist mit dreidutzendfacher Spaltung »entlohnt« worden!
Jahn wird von der sogenannten Demagogenverfolgung erfaßt. Eine Kommission des Deutschen Bundestags, des Organs der Reaktionäre, hält in einem Bericht für die Herrschenden fest: »Jahn ist derjenige, der die höchst gefährliche Lehre von der Einheit Deutschlands aufgebracht hat.«
Am 13. Juli 1819 wird der Turnvater verhaftet; bald darauf erfolgt das Verbot des Turnens. Jahn wird von Festung zu Festung gebracht. Nicht ein Jota weicht er von seinen Grundüberzeugungen. 1825 erst kommt er aus seinem letzten Gefängnis, der Festung Kolberg, frei, wird jedoch weiter bespitzelt und unter Polizeiaufsicht gestellt. Unter Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. endlich wird er weitgehend rehabilitiert.
1848 wird er als Abgeordneter in die Nationalversammlung gewählt, kommt aber mit den dort wirkenden Durchgeistigten nicht zurecht. Jahn stirbt am 15. Oktober 1852 in Freyburg an der Unstrut. In seinem Vermächtnis, der »Schwanenrede«, bekundet der Turnvater:
»Deutschlands Einheit war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenrot meiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskraft und ist jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen Jugend winkt.« |
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