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JOHANN GOTTLIEB FICHTE

 
     
  (1762 -1814)

Nicht die Gewalt der Armee, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche Siege erkämpft. Ein Volk, das da fähig ist, sei es auch nur in seinen höchsten Stellvertretern und Anführern, das Gesicht aus der Geisterwelt: Selbständigkeit, fest ins Auge zu fassen und von der Liebe dafür ergriffen zu werden wie unsere ältesten Vorfahren, siegt gewiß über ein solches, das nur zum Werkzeuge fremder Herrschsucht und zur Unterjochung selbständiger Völker gebraucht wird. Die Vaterlandsliebe muß den Staat selbst regieren als durchaus oberste letzte und unabhängige Behörde. Besiegt sind wir. Der Kampf mit den Waffen ist beschlossen, es erhebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der Sitten, des Charakters.

Worte aus Fichtes Reden an die deutsche Nation, gehalten im Winter 1807/08 W* im großen Saal der Berliner Akademie. Der überragende Philosoph, einer der glühendsten Redner deutscher Zunge, weckt unter jungen Deutschen eben jene vaterländische Begeisterung, der die Geschichte die glänzenden Siege der Befreiungskriege verdankt.

Johann Gottlieb Fichte kommt am 19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda, sächsische Oberlausitz, als Sohn einfacher Leute zur Welt. Sein Vater ist Bandwirker. Förderer erkennen die hohe Intelligenz des Jünglings und ermöglichen ihm das Studium. Fichtes »Versuch einer Kritik aller Offenbarung«, anonym veröffentlicht, wird für ein Meisterwerk Kants gehalten. Der Königsberger König der Philosophen lenkt die Aufmerksamkeit auf den wahren Verfasser. Von Goethe empfohlen, lehrt Fichte ab 1794 an der Jenaer Universität. 1805 hat er den philosophischen Lehrstuhl an der fränkisch-preußischen Friedrich-Alexander-Universität zu Erlangen inne.

Bis zur großen preußischen Katastrophe im Kampf gegen Napoleon, 1806, ist Fichtes Lehre vaterlandslos. Nach dem Franzoseneinfall aber erkennt er, ursprünglich begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, seine vaterländische Sendung und wird Wegbereiter der deutschen Nationalerziehung.

Seine weltberühmt gewordenen Berliner Reden an die deutsche Nation hat er in Königsberg ausgearbeitet. Vor Napoleons Spitzeln werden sie getarnt als »Vorträge über die Erziehung«. Meint Fichte die französischen Zwingherrn, spricht er nur von »unseren Gästen«. Doch jene, die es angeht, verstehen den Wortgewaltigen. Fichte entzündet die Fackel in tiefster deutscher Nacht.

Besorgte Freunde raten ihm, sich doch zurückzuhalten, ein Arrangement mit den Bedrückern Deutschlands zu suchen, sich gar in die welsche »Wertegemeinschaft« zu fügen. Fichte antwortet:

»Ich weiß recht gut, was ich wage. Ich weiß, daß ebenso wie Palm ein Blei mich töten kann, aber für meinen Zweck würde ich gern sterben!«

Als seine Saat aufgeht, als das deutsche Volk zum Befreiungskampf gegen Napoleon aufbricht, meldet sich der Philosoph, krank und halb gelähmt, zur Front. Er will als Redner in vorderster Linie zum Einsatz bis. zum Sieg anspornen. Doch dazu kommt es nicht. Fichte wird »nur« Landsturmmann der Bürgerwehr.

Am 29. Januar 1814 stirbt der Herold des Befreiungskampfes und erste gewählte Rektor der Berliner Universität: Seine Frau, eine Nichte Klopstocks, hat sich bei der aufopfernden Pflege verwundeter Soldaten den Typhus geholt und ihren Mann angesteckt, der vom tückischen Lazarettfieber hinweggerafft wird. Fichte scheidet von dieser Welt, unmittelbar nachdem ihm die Vertreibung der Franzosen aus allen diesseits des Rheines gelegenen deutschen Gebieten berichtet worden ist.

Wenn Napoleon in jenen Tagen ausruft: »Das sind nicht mehr die Preußen von 1806!« (die er schlagen konnte), so ist dies vor allem Fichtes Wirken zu danken. Ein Zeitgenosse: »So groß, tief und stolz hat fast noch niemand von der deutschen Nation gesprochen.« Und Josef Magnus Wehner schreibt:

»Erziehung zur Freiheit hieß für Fichte: Überwindung der Selbstsucht durch das Feuer geheiligter Einheit der Stände und Stämme und den freiwilligen Dienst am Vaterland und an der Menschheit.«
 
 

 

 

 
 
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