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HANNA REITSCH

 
     
  (1912 -1979)

Ein unheimliches Gefühl, die Bergwände immer höher anwach sen zu sehen! Unter mir keine Möglichkeit, den Vogel heil zu landen! Der blasse Schatten meines »Sperber-Junior« zieht schon ganz nahe unter mir über den steinigen Boden. Die Angst würgt und schnürt meine Kehle. Da entdecke ich plötzlich, kaum dreißig Meter von mir entfernt, zwei Bergdohlen, die dicht an den Bergwänden kreisen. Ich fliege ganz nahe an sie heran, so nahe, daß ich fürchte, mit"i den Flächen die Felsen zu streifen. Und nun lupft es auch mich. Die ganze Bergwelt liegt jetzt unter mir und scheint wie für einen ewigen Feiertag in Licht und Glanz gehüllt. Einsam fliege ich über die glitzernde, schweigende, schneebedeckte Pracht. Grünlichblau schillern die Gletscher zu mir herauf. Der »Sperber Junior« hat mit mir erlebt, was bis jetzt noch niemand erlebt hat: Er hat einen Menschen motorlos über die Alpen getragen.

Auszug aus dem Bericht »Mein schönstes Flugerlebnis«: Flugpionierin Hanna Reitsch schildert ihre Alpenüberquerung mit dem Segelflugzeug anno 1937. In diesem lahr ist die mutige Frau der erste weibliche Flugkapitän der Welt geworden.

Am 29. März 1912 kommt Hanna Reitsch im schlesischen Hirschberg als Tochter eines Augenarztes zur Welt. Ihre Mutter entstammt dem österreichischen Adel. Hanna baut das Abitur, läßt jedoch nach einigen Semestern vom Medizinstudium. Denn sie hat sich mit Leib und Seele der Fliegerei verschrieben. Der berühmte Luftfahrtpionier Wolf Hirth ist einer ihrer ersten Lehrmeister.

Kaum Anfang 20, segelt sie schon ihrer männlichen Konkurrenz auf und davon und stellt bald zahlreiche deutsche wie internationale Segelflugrekorde auf. Sie sitzt 1937 am Steuer des FW 61, des ersten brauchbaren Hubschraubers der Welt, und führt ihn im folgenden Jahr einem vor Spannung atemlosen Publikum in voller Aktion in der Berliner Deutschlandhalle vor.

Hanna Reitsch erprobt im Kriege für die deutsche Luftwaffe verschiedene Militärmaschinen und riskiert dabei mehr als einmal Kopf und Kragen. Als sie in Augsburg die Raketenmaschinen Me 163 a und b einfliegt, stürzt sie ab, wird schwer verwundet; fünf Monate Lazarett sind die Folge. Sie wird mit dem Goldenen Militärabzeichen mit Brillanten, 1941 mit dem EK 2 und 1942 - als einzige Frau - mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Sie schlägt in verzweifelter Kriegslage den Selbstopferungseinsatz vor und meldet sich dafür als eine der ersten: Der Feind soll mit bemannten Raketen in seinen Rüstungszentren so entscheidend getroffen werden, daß er vielleicht doch noch zu einem ehrenhaften Frieden bereit ist. Flugkapitän Reitsch fliegt die bemannten V 1 und die Gleitbombe Me 323 ein. Wie gefährlich das Unternehmen ist, zeigt, daß vier der - mit ihr - acht Versuchspiloten dabei umkommen, zwei weitere werden schwer verletzt. Hanna Reitsch übersteht alle 10 Probeflüge mit der bemannten V 1, die dann aber wegen der alliierten Invasion Frankreichs doch nicht mehr zum Einsatz kommen kann.

Im November 1944 wird Hanna Reitsch bei einem Fliegerangriff auf Berlin erheblich verwundet. Anfang 1945 fliegt sie zweimal todesmutig in die Festung Breslau, und sie erkundet im Raum Tirol Notlandeplätze für Verwundetentransporte.

Am 26. April 1945 fliegt sie mit dem designierten neuen Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, von Greim, ins heftig umkämpfte Berlin. Man landet unter schwerem Artilleriefeuer in Gatow. Von da an geht es weiter mit einem »Storch«. Von Greim wird verwundet, verliert das Bewußtsein. Hanna Reitsch reagiert geistesgegenwärtig, übernimmt das Steuer und bringt den Storch unter dramatischen Umständen am Brandenburger Tor heil herunter. Bis Kriegsende bleibt die zierliche Frau mit dem Riesenmut Pilotin des letzten OB der Luftwaffe und unternimmt für ihn waghalsige Flüge.

Nach Kriegsgefangenschaft und Internierung kehrt Flugkapitän Hanna Reitsch zu ihrer alten Leidenschaft, der Segelfliegerei, zurück. Wieder bricht sie deutsche, europäische und Welt-Rekorde, selbst als sie schon hoch im sechsten Lebensjahrzehnt steht. Auf Einladung der indischen Regierung hilft sie in den 50er Jahren beim Aufbau des dortigen Flugwesens (»Noch nie hatte ein westlicher Mensch nach dem Krieg in Indien einen derartigen Erfolg«, meldet der Schweizer Botschafter); in den 60er Jahren ist sie Chefpilotin des Staatspräsidenten von Ghana, Nkrumah, und Ausbilderin des Fliegernachwuchses dieses afrikanischen Staates.

Am 24. August 1979 stirbt die einmalige, stets nationalbewußte Frau in Frankfurt am Main.
 
 

 

 

 
 
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