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ERNST HAECKEL

 
     
  ERNST HAECKEL und das biogenetische Grundgesetz. Lebensdaten: 1834 - 1919. Außer bei Biologen ist der deutsche Botaniker und Zoologe Ernst Haeckel heute kaum noch bekannt. Aber er war ein wichtiger und kontroverser Wissenschaftler, der nach CHARLES DARWIN die biologische Forschung mitgestaltet und sie auf die Embryologie, Morphologie und Zelltheorie ausgeweitet hatte. Daneben warf er als erster Themen auf, die noch heute aktuell sind. Auf ihn geht der Ausdruck Ökologie zurück, die er als die wissenschaftliche Untersuchung der Beziehungen zwischen einem Organismus und seiner Umwelt definierte. Stephen Jay Gould hat vor nicht langer Zeit seine große historische Bedeutung dokumentiert, und Erik Nordenskjold konnte vor einigen Jahren sagen, »daß es nur wenige gibt, die so entscheidend und auf so vielen verschiedenen Gebieten die Entwicklung der menschlichen Kultur beeinflußt haben wie Haeckel.« Ernst Heinrich Philipp August Haeckel wurde am 16. Februar 1834 in Potsdam geboren. Haeckel wuchs in einem liberalen, bürgerlichen Haus auf. Von seiner Mutter Charlotte Sethe Haeckel ermuntert, sammelte er als Junge Pflanzen und entwickelte eine starke und romantische Liebe zur Natur. Am Gymnasium erhielt er die übliche klassische Bildung, las Goethe und Alexander von Humboldt und beschloß Botaniker zu werden. Sein Vater, Carl Haeckel, ein preußischer Verwaltungsbeamter, wollte, daß er Arzt wurde; so schloß er 1857 sein Medizinstudium an der Universität Berlin ab. Aber er verlor seine Interessen niemals aus den Augen, praktizierte nur kurze Zeit, bevor er 1862 an der Universität Jena Professor für Zoologie und vergleichende Anatomie wurde. Bereits als Student hatte sich Haeckel mit Meeresbiologie beschäftigt und sich mit großer Begeisterung der Mikroskopie gewidmet. 1859 und 1860 nahm er an einer botanischen Expedition ins Mittelmeer teil, um einzellige Organismen, sogenannte Radiolaria, zu studieren. Er sammelte Tausende von Exemplaren und entdeckte 144 neue Arten dieser Protozoen, die mit ihrem externen Skelett zu den zierlichsten und schönsten Geschöpfen der Natur zählen. Seine 1862 erschienene Monographie Die Radiolarien (Rhizopoda radiaria), die auch von seiner großen zeichnerischen Begabung zeugt, gilt heute noch als wertvoller Beitrag zur Forschung. Im nachfolgenden Jahrzehnt arbeitete er an der Klassifizierung von Schwämmen und Medusen, den Quallen, von denen er viertausend Arten beschrieb. Haeckels Untersuchungen auf dem Gebiet der Meeresbiologie führten schließlich dazu, daß er ein neues, dreiteiliges Klassifikationsschema vorschlug, das der Tatsache Rechnung trug, daß gewisse kleine Organismen weder Pflanzen noch Tiere sind. Im 20. Jahrhundert ist dieses System von anderen aufgenommen und weiterentwickelt worden, u. a. auch von LYNN MARGULIS. Das bestimmende Ereignis für Haeckel, das sich bereits in diesen frühen Werken ausdrückt, war die Veröffentlichung von Die Abstammung der Arten von Charles Darwin. Er las es sofort, als es in Deutschland erschien, 1863 hielt er eine weit beachtete Vorlesung, in der er nicht nur Darwins Theorie zusammenfaßte, sondern sie auch seine eigenen Gedanken anpaßte. In der Idee der Abstammung fand Haeckel die für ihn sehr attraktive Vorstellung verkörpert, daß Fortschritt »ein Naturgesetz« sei, das »durch keine menschliche Macht, nicht durch die Waffen der Tyrannen noch durch die Verwünschungen der Priester«, unterdrückt werden könne. Haeckel sah sich und sein Werk im Kontext der deutschen romantischen Naturphilosophie und betrachtete Denker wie Goethe als Vorgänger Darwins. Seine 1866 veröffentlichte Generelle Morphologie der Organismen, die er in den nächsten vierzig Jahren ständig überarbeiten sollte, enthält die wichtigsten Aussagen seines wissenschaftlichen Denkens. Auf darwinistischen Grundlagen aufbauend, unterscheidet Haeckel, um die unterschiedlichen Formen der Organismen zur erklären, die Wissenschaft der Anatomie von der Wissenschaft der Entstehung der Lebensformen. Die letztere unterteilte er in Ontogenese (die Entwicklung von Individuen) und Phylogenese (die stammesgeschichtliche Entwicklung). Seinen Ansatz bezeichnete er als »Monismus«, da er den kartesianischen Dualismus von Geist und Materie zurückwies und nicht an die absolute Unterscheidung zwischen organisch und anorganisch glaubte. Er griff Lamarcksche Gedanken auf und meinte, daß erworbene Merkmale auf die folgenden Generationen übertragen werden könnten, was er »progressive Vererbung« nannte. Damit glaubte er, Darwins Theorie zu erweitern, sein ausgeprägter philosophischer Ansatz verhinderte jedoch, daß er die Mendelschen Vererbungsregeln anerkannte, als diese 1900 wieder entdeckt wurden. Als äußerst einflußreich erwies sich jedoch einer seiner Gedanken, das von ihm so benannte »biogenetische Grundgesetz«. Damit bezeichnete er die Vorstellung, daß die Ontogenese die Phylogenese rekapituliere - daß jedes Individuum während seiner Entwicklung die Phasen durchläuft, die auch die Art im Laufe ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung zurückgelegt hatte. Obwohl Haeckel nicht der erste war, der diese Vorstellung formulierte, wies er ihr doch einen zentralen Platz in seinem biologischen System zu und benützte es, um seine berühmten genealogischen Stammbäume für die einzelnen Arten zu erstellen. Der Baum für die Evolution des Menschen beginnt so mit den einzelligen Lebewesen, da das befruchtete Ei aus nur einer Zelle besteht. Weiter oben in der Krone des Baumes postulierte er die Existenz eines nonverbalen Affen-Menschen, was zum Teil auf der Tatsache beruhte, daß Menschen ohne Sprache geboren werden. Obwohl das biogenetische Grundgesetz heute nur mehr eingeschränkt gültig ist, war es ungeheuer einflußreich. In Ontogeny and Phylogeny wies Stephen Jay Gould darauf hin, daß es nicht nur für die Biologie von Bedeutung war, sondern auch für Rassentheorien, die forensische Anthropologie, Pädagogik, Psychoanalyse und die wissenschaftliche Erforschung der Kindesentwicklung. Sowohl SIGMUND FREUD als auch JEAN PIAGET waren davon beeinflußt. Haeckels Einfluß außerhalb der Wissenschaft war enorm. 1868 veröffentlichte er eine Natürliche Schöpfungsgeschichte, sechs Jahre später folgte Anthropogenie, Entwicklungsgeschichte des Menschen. In diesen populären Büchern stellte er sein System einer nicht-wissenschaftlichen Leserschaft dar und ging besonders auf die philosophischen Folgen ein -Bücher, die wegen ihres antiklerikalen und pantheistischen Inhalts den Zorn der Kirchen auf sich zogen. Ein empfängliches Publikum fand er 1899 mit Die Welträtsel, in dem er sich mit Kosmologie, Psychologie, Theologie und Anthropologie auseinandersetzte. Wie viele andere grandiose Texte, die Wissenschaft mit philosophischen Spekulationen vermischen, war das Buch äußerst populär und führte zur Bildung des freidenkerischen Monistenbunds. Obwohl Haeckels Fortschrittsglaube und antiklerikale Haltung Liberale anzogen, neigten seine Anhänger in den Jahren nach seinem Tod aufgrund der mystischen Anlehnungen 'und Haeckels Glaube an »rassische Reinheit« dazu, nationalsozialistische Zielsetzungen zu unterstützen. 1862 hatte er seine Kusine Anna Sethe geheiratet, deren Tod zwei Jahre später für ihn sehr schmerzhaft war. Später ging er mit Anna Huschke, der Tochter eines bekannten Anatomen, eine zweite Ehe ein. Haeckel zog sich 1909 von der Universität Jena zurück. Seine letzten Jahre waren alles andere als glücklich. Vor allem betrübte ihn der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als England, Darwins Mutterland, in den Krieg gegen Deutschland eintrat. Er starb am 9. August 1919.  
 

 

 

 
 
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