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WIDUKIND

 
     
  (743 - 807)

Widukind führt seine Schar zur Stätte der Irminsul. Wo man sonst nur in ehrfürchtigem Schweigen sich naht, hegen nun die losgesprengten Felstrümmer am Boden. Die heiligen Runen sind von den Wänden getilgt, der Aufstieg zur Sonnenwarte ist zerstört. Grimm packt die Männer. Als wieder der Morgen dämmert, halten sie vor den Wällen der Eresburg, auf denen jetzt fränkische Wachen gehen. Da klimmen sie auf Leiterbäumen empor, schwingen sich auf die Schultern der Kameraden, und als erster erklettert Widukind den Wall, stößt die fränkische Wache nieder. Bald ist die Eresburg wieder in sächsischer Hand. Aber Widukind gibt nicht Rast und nicht Ruh. Vorwärts geht der Zug. Weit leuchten die Brände über den Rhein ins Fränkische Reich.

Schilderung aus einem alten deutschen Schulbuch. Es geht um den Aufstand, den der große Führer der Sachsen, der Ahnherren von Westfalen und Niedersachsen, Widukind, gegen Karl den Großen und dessen Frankenreich entfacht hat. Nur unter Aufbietung der gesamten gewaltigen Kraft seines riesigen Imperiums gelingt es Karl, die Erhebung der Freigermanen niederzuwerfen.

Der westfälisch-sächsische Edelmann Widukind, auch Wittekind genannt, kommt vermutlich um 743 nach der Zeitenwende zur Welt. In den erhalten gebliebenen Urkunden wird er erstmals im Jahre 777 anläßlich des Reichstages zu Paderborn erwähnt. Fortan ist er auf bald ein Jahrzehnt die Seele und das Schwert des sächsischen Widerstandes gegen das fränkische Imperium, das im Zeichen des Kreuzes die Herrschaft über das ganze Abendland erstrebt.

Widukind empört sich zunächst mit den unteren Schichten der Sachsen gegen den eigenen Adel, der mit den Franken paktieren will und das Knie vor dem als fremd empfundenen christlichen Glauben beugt. Dann organisiert er die Erhebung, die den gesamten Norden des späteren Deutschland erfaßt. In mehreren Gefechten, so in der Schlacht am Süntelgebirge, obsiegt der Sachsenführer über die Truppen Karls, der 782 in Verden an der Aller blutige Rache an gefangenen sächsischen Edelingen nimmt und die Irminsul, das germanische Heiligtum, hat schänden lassen. Jahr um Jahr währt der ungleiche Kampf zwischen Widukinds Volksheer und Karls zahlen- und ausrüstungsmäßig überlegenen Soldaten.

785 - weite Teile des Sachsenlandes sind verheert - muß Widukind schweren Herzens, um die totale Vernichtung seines Volksstammes zu verhindern, nachgeben. Er befiehlt seinen mutigen Streitern, die Waffen zu strecken, und läßt sich zu Weihnachten des Jahres taufen. Karl der Große fungiert als Pate.

Im tragischen Scheitern beweist Widukind staatsmännische Größe: Die Fortsetzung des Widerstandes wäre heller Wahnsinn gewesen und hätte die Auslöschung des Sachsentums bedeutet, wodurch das welsche westliche Element im Reich Karls des Großen übermächtig geworden wäre. Wahrscheinlich hätte sich ohne Widukinds Schritt des Jahres 785 kein Deutsches Reich bilden können.

Auch schafft Widukind die Grundlagen der starken Stellung des sächsischen Stammes im Deutschen Reich. Mathilde, die Gemahlin des ersten deutschen Königs, Heinrichs I., ist seine Urenkelin.

Ab dem 16. Jahrhundert erinnert sich das deutsche Volk seiner wieder; man begreift Widukind nun als Vorkämpfer nationaler Freiheit.

Der Überlieferung zufolge ist der wohl am 7. Januar 797 oder 807 gestorbene Widukind in der Stiftskirche des ostwestfälischen Enger begraben. Dem Sachsenherzog zu Ehren hat der westfälische Bildhauer Professor Heinrich Wefing ein beeindruckendes Denkmal geschaffen, das 1899 in Herford eingeweiht wird. Es zeigt den Helden ungestüm hoch zu Roß. Derselbe Künstler hat auch das Taufrelief Widukinds an der Stiftskirche zu Enger geschaffen. Bei der feierlichen Enthüllung des Widukind-Denkmals zu Herford ruft der Bildhauer aus:

»Möge es sein und bleiben ein Denkmal westfälischer Kraft und Treue!«
 
 

 

 

 
 
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