| |
(1455 -1531)
Er ist aber nicht nur ein begnadeter Künstler, sondern auch eine politisch profilierte Persönlichkeit von geradliniger Überzeugungstreue und trutziger Standhaftigkeit. Der bald siebzigjährige Überzeugungstäter stellt sich als Bürgermeister auf die Seite der aufrührerischen Bauern. Sein empfindsames Künstlerherz schlägt für die Geknechteten und Geschundenen. Er setzt sich beherzt für die Empörer ein.
So berichtet Hannswolf Ströbel über einen der bedeutendsten abendländischen Meister der bildenden Kunst, Tilman Riemenschneider. Geprägt von altsächsischem Trutze und unbändigem Freiheitswillen, macht er sich 1525 die Sache der deutschen Revolution zu eigen.
Im Zeitraum zwischen 1455 und 1460 kommt Riemenschneider in Osterode/Harz als Sohn armer Leute - sein Vater ist Münzmeister - zur Welt. Über seine Lehr- und Wanderjahre ist wenig bekannt. Sie führen ihn hauptsächlich durch den Westen des Deutschen Reiches und nach Schwaben.
Wohl schon ab 1479, nachweislich ab 1483 hält sich Riemenschneider in Würzburg auf. Sein Oheim ist Rechtsgelehrter im Dienst des dortigen Bischofs; er ebnet dem jungen Neffen den Weg. Es bedarf mehrerer Jahre, bis sich der Künstler in der konservativen Bischofsstadt durchgesetzt hat. Doch schließlich erhält er Aufträge aus dem gesamten Fürstbistum, versorgt mit seinen Bildwerken ganz Mainfranken.
Riemenschneider entwickelt sich zum Hauptmeister der spätgotischen Plastik. Erste weltberühmt gewordene Schnitzwerke sind der Münnerstädter Altar, die Adam-und-Eva-Figuren der Würzburger Marienkapelle, das Grabmal des Fürstbischofs Rudolf von Scherenberg. Als schönste Arbeit und Höhepunkt seiner Kunst gilt der um 1505 vollendete Altar der Herrgottskirche in Creglingen.
Ebenso gekonnt wie das Holz bearbeitet Riemenschneider den Stein. Hubert Schrade urteilt in »Die großen Deutschen«:
»Man hat gesagt, erst die Renaissance habe den Deutschen gezeigt, was Harmonie sei. Der Creglinger Altar Riemenschneiders ist der stärkste Gegenbeweis. Und im Glänze der Schnitzereien, in der Pracht des Maßwerkes, in der sakralen Feierlichkeit des Kirchenraummotivs für den Schrein, im leisen, lichtdurchströmten Rauschen der Gewänder strahlt er eine Festlichkeit aus, die wir bei keinem Werke der Renaissanceplastik mehr finden. Es war Riemenschneiders geschichtliche Sendung, in einer Zeit, die von Wirklichkeit und über Wirklichkeit so ergriffen war, daß sie vor keinem künstlerischen Wagnis zurückschreckte, den Sinn für das Edle, Maßvolle, Schöne gehütet zu haben.«
Auch sonst läßt des Künstlers Lebensführung und -stil den Aufrührer der späten Tage seines Lebens kaum erahnen. Als erfolgreicher Meister seines Fachs und durch Heiratszugewinn schafft sich Riemenschneider erheblichen Wohlstand. 1505 wird der bereits Arrivierte in den Stadtrat gewählt, 1520 zum Bürgermeister erkoren.
Dann das Entscheidungsjahr 1525: Überall in Deutschland stehen die unterdrückten Bauern auf, denen sich rebellische Städter und Ritter anschließen. Die Revolutionäre wünschen die Obrigkeit, die sich wie ein Keil zwischen Kaiser und Volk zwängt, zum Teufel. Sie wollen die Rückkehr zum guten alten deutschen Recht und Reich. Bürgermeister Riemenschneider - er hatte stets schon ein Ohr für die Sorgen und Nöte der Armen und Bedrückten - weigert sich, ein Bürgerheer zur Niederschlagung der Bauern aufzustellen und bekundet offen seine Sympathien für die Aufständischen. Das ist Rebellion! Der Fürstbischof flieht.
Nach der Niederlage der Bauern bekommt Riemenschneider den Rachedurst seines Gebieters grausam zu spüren. Als die Belagerung und Berennung der bischöflichen Festung Marienberg durch den Fränkischen Haufen der Bauern scheitert und der Bundschuh brutal niedergeschlagen ist, muß Riemenschneider in Kerkerhaft und wird grausam gefoltert. In Ketten gelegt, entgeht er nur knapp der Hinrichtung. Manche Quellen berichten von der Brechung seiner kunstschaffenden Hände durch die Folterknechte.
In Abgeschiedenheit stirbt der so hart Gestrafte. Auf dem Grabstein, den sein Sohn Jörg geschaffen hat, heißt es:
»Anno domini 1531 am abent Kiliani starb der ersam und kunstreich Tilman Riemenschneider bildhauer, burger zu Würzburg, dem got genedig sey. Amen.« |
|